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Ausstellungstipp: Noch bis 14. April 2024 – Sieh Dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit

Im Museum Haus Dix in Gaienhofen-Hemmenhofen zeigt eine Ausstellung bis Mitte April Bildnisse verschiedener Künstler im Kontext der Weimarer Republik.

Bereits Ernst Gombrich bemerkte 1966, dass die Konstitutionslehre Körperbau und Charakter des Tübinger Psychiaters Ernst Kretschmer in den 1920er-Jahren »the talk of the day« gewesen sei. Das galt ebenso für den Ratgeber Sieh dir die Menschen an! (1930) des Mediziners Gerhard Venzmer. Die in den Publikationen vorgebrachten Thesen zur Typisierung von Menschen anhand äußerer Merkmale wurden deutschlandweit und von nahezu allen sozialen Schichten gleichermaßen rezipiert. Die Begeisterung für das ›Typische‹ und der damit verbundene Wunsch nach ordnender Systematisierung lösten in der Weimarer Republik (1918–1933) eine allgegenwärtige Konstitutions- und Typendebatte aus, die sich in unterschiedlichsten Zusammenhängen nachweisen lässt.

Die Ausstellung Sieh Dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit setzt hier an, indem die präsentierten Kunstwerke über die kunsthistorische Bedeutung hinaus im gesellschaftlichen Diskurs beleuchtet werden. Dies ermöglicht, die malerischen, grafischen und fotografischen Porträts der Neuen Sachlichkeit als visuelle Dokumente sozialer Klassifizierungsprozesse zu befragen. Das zentrale Anliegen der Ausstellung ist die Auseinandersetzung der Besucher mit gesellschaftlichen Stereotypen, mit deren vermeintlicher wissenschaftlicher Legitimation, deren künstlerischer wie massenmedialer Verbreitung sowie deren oftmals unreflektierter Reproduktion – und nicht zuletzt deren Beständigkeit. Denn rückblickend wird deutlich, dass viele Stereotypen und Klischeevorstellungen, die sich in den 1920er-Jahren etablierten, bis heute nachwirken und weiterhin den Blick auf unser Gegenüber beeinflussen.

Die Beschäftigung mit der Neuen Sachlichkeit ist für das Kunstmuseum Stuttgart von anhaltender Bedeutung, bildet die Kunstströmung doch einen wichtigen Sammlungsschwerpunkt des Hauses. Ein Anspruch des Museums ist es, die Bestände immer wieder neu in den Blick zu nehmen und gesellschaftsrelevante Fragen an sie zu adressieren. Die eigenen Werke der Neuen Sachlichkeit – allen voran die Porträtgemälde von Otto Dix – werden in der Ausstellung um internationale Leihgaben aus über 40 Museen und Privatsammlungen ergänzt, um die Typisierung des Individuums als zentrales Leitmotiv der neusachlichen Kunst umfassend darzustellen. Besondere Berücksichtigung finden dabei Werke von Frauen, die in der Weimarer Republik die neusachliche Kunst entscheidend beeinflusst haben, oft jedoch marginalisiert wurden: Künstlerinnen wie Jeanne Mammen, Grethe Jürgens oder Kate Diehn-Bitt prägten das soziale, politische und kulturelle Leben und waren aktiv an der Konstruktion wie auch Reflexion unterschiedlicher Frauentypen und Geschlechterrollen beteiligt.

Das Bildnis zählt zu den wichtigsten Ausdrucksformen der Neuen Sachlichkeit und ist gekennzeichnet von einer bis dahin unbekannten Verschränkung von Individualund Typenporträt: Die individuellen Physiognomien wurden zwar festgehalten, allerdings rückten die Künstler das Typische einer Person in den Vordergrund und inszenierten diese in ihrem sozialen Umfeld und als Vertreter einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe. Dabei näherten sie sich dem Thema sehr unterschiedlich. Mal griffen die Künstler stereotype Figuren wie »den Arbeiter« oder »den Intellektuellen« ungebrochen auf, mal wiesen sie in ihren Darstellungen auf die Fragwürdigkeit und Legitimität von Fremdzuschreibungen hin. Sicherlich festigten manche Bildnisse damals kursierende Vorurteile und verstärkten rassistische, misogyne und homophobe Ressentiments. Andererseits nutzten Künstler die Darstellungen, um Personen aus bis dahin unterrepräsentierten sozialen Gruppen abzubilden und um positive, nicht verurteilende Konnotationen sexueller Identitäten einzuschreiben – damit sind die neusachlichen Typenporträts auch Ausdruck einer sozialkritischen Emanzipationsbewegung.

Ist die Kategorisierung von Mitmenschen ein per se widersprüchlicher Prozess – der einerseits zutiefst menschlich, andererseits stets zwangsläufig mit Ausgrenzungsmechanismen verbunden ist –, so begleitet ein grundlegender Zwiespalt die Ausstellung. Denn die Sichtbarmachung von Typen führt dazu, unweigerlich auch Klischees zu reproduzieren. Um eine differenzierte und kritische Betrachtung aus heutiger Perspektive zu ermöglichen, werden die Werke deshalb stets anhand zeithistorischer Dokumente und Materialien – wie Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Werbung und Kino – kontextualisiert. Durch die Einordnung wird zudem erkennbar, dass schon damals die Ambivalenz zwischen orientierungsstiftender Klassifizierung und diskriminierender Bewertung verhandelt wurde. In den Ausstellungsräumen machen vermittelnde Texte in Einfacher Sprache die Inhalte und Zusammenhänge der Ausstellung barrierearm zugänglich. Die thematischen Schwerpunkte werden darüber hinaus in ausstellungsbegleitenden Workshops und Vorträgen vertieft.

Dass wir uns dem Dilemma, Mitmenschen anhand von Äußerlichkeiten kategorisieren zu wollen, nur schwer entziehen können, macht schließlich auch die für die Ausstellung entwickelte Installation Alpha Dog (2023) von Cemile Sahin (*1990) deutlich, mit der das Projekt einen Bogen in die Gegenwart schlägt. Die in Berlin lebende Künstlerin greift darin Typisierungs- und Klassifizierungstendenzen auf, die in computerbasierten Gesichtserkennungs-Tools Anwendung finden, und verweist so auf die Gefahren eines programmierten Rassismus. Dabei lassen sich Parallelen zur Konstitutions- und Typendebatte in der Weimarer Zeit ausmachen.

Museum Haus Dix

Otto-Dix-Weg 6
78343 Gaienhofen-Hemmenhofen

Öffnungszeiten

Mi bis So 10–17 Uhr
Mo geschlossen

Ticketpreise

  • 6 Euro

Mehr Informationen: kunstmuseum-stuttgart.de/museum-haus-dix.


Bilder: BArch, Bild 183-R29325 / o.Ang., BArch, Bild 183-18594-0025 / o.Ang., BArch, Bild 183-J0305-0600-003 / o.Ang., Stiftung Topographie des Terrors / Karsten Guth, Rugwind GbR

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