Ausstellungs-Tipp: Schliemanns Welten – Sein Leben. Seine Entdeckungen. Sein Mythos

Eine Sonderausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte – Staatliche Museen zu Berlin.

Als Entdecker von Troja wurde Heinrich Schliemann (1822–1890) weltberühmt. Anlässlich seines 200. Geburtstages wirft die Sonderausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte einen differenzierten Blick auf seine schillernde Persönlichkeit. Es ist die Geschichte eines risikofreudigen Aufsteigers, der als Handelsgehilfe begann, als Kaufmann nach Russland ging, im kalifornischen Goldrausch und im Krimkrieg Millionen verdiente und sich mit Anfang 40 seiner wahren Passion zuwandte: der Erforschung des Altertums.

Von den einen als Held und Visionär gefeiert, von den anderen als Phantast und Betrüger verschrien, waren seine archäologischen Methoden damals wie heute umstritten. Auf der Grundlage aktueller Forschungsergebnisse nimmt die Ausstellung erstmals Schliemanns abenteuerliches Leben bis zu seiner Hinwendung zur Archäologie in den Blick, bevor seine bis heute faszinierenden archäologischen Entdeckungen im Mittelpunkt stehen.

Dem selbst geschaffenen Mythos zufolge hatte Schliemann bereits als Siebenjähriger beschlossen, einst Troja auszugraben. Verfolgt man jedoch den Weg bis zu seiner großen Lebenswende im Jahre 1869, kommen zumindest Zweifel auf. Nach einer Krämerlehre bestieg er im Alter von 19 Jahren in Hamburg ein Schiff, um nach Venezuela auszuwandern.

Die Reise endete in einem Unwetter vor der holländischen Küste und verschlug den Geretteten nach Amsterdam. Er fand eine Anstellung in einem Handelshaus und begann hier seinen Aufstieg zum millionenschweren St. Petersburger Kaufmann. In den Amsterdamer Jahren begann er, nahezu besessen fremde Sprachen zu erlernen, was sich als Schlüssel zum Erfolg erweisen sollte. Mindestens 17 Sprachen beherrschte Schliemann am Ende seines Lebens.

Mit erstaunlichem Gespür und hoher Risikobereitschaft betrieb er seine äußerst einträglichen Geschäfte bis in die Mitte der 1850er-Jahre. Die Wirtschaftskrise von 1857 und die zunehmend zerrüttete Ehe, die er 1852 mit der Russin Ekaterina Petrovna Lyshina eingegangen war, mündeten in eine mehrere Jahre andauernde Lebenskrise und Sinnsuche. Schliemann liquidierte seine Firma und trat 1864 eine zweijährige Weltreise an, deren Reisebericht „La Chine et le Japon au temps présent“ er 1867 veröffentlichte. Paris wurde zu seinem neuen Lebensmittelpunkt, wo er an der Sorbonne philologische und literarische Studien aufnahm.

Als sich Schliemann 1868 in Griechenland und Kleinasien auf die Suche nach den von Homer beschriebenen Orten begab, fiel die Entscheidung.

Auf Ithaka suchte er den Palast des Odysseus, auf dem Peloponnes besichtigte er die Ruinen von Korinth, Mykene und Tiryns, um schließlich unweit der Dardanellen in Kleinasien die Suche nach Troja aufzunehmen. In Schicksalsjahr 1869 erschien sein zweites Buch „Ithaka, der Peloponnes und Troja“, in dem er seine Thesen zur Lokalisierung der von Homer beschriebenen Stätten darlegte. Dieses Werk verhalf ihm zur Promotion an der Universität Rostock. Noch im selben Jahr heiratete Schliemann die dreißig Jahre jüngere Griechin Sophia Engastroménos, die fortan seine Homerbegeisterung teilen sollte.

Nach der illegalen Probegrabung von 1870 unternahm Schliemann bis zu seinem Tod insgesamt sieben Grabungskampagnen auf dem Siedlungshügel Hisarlık (Türkei). Als er im Sommer 1873 dort einen großen Goldschatz entdeckte, sah er sich am Ziel seiner Suche nach dem Troja Homers. Sein „Schatz des Priamos“ machte ihn mit einem Schlag zum weltberühmten Archäologen. Es begann der Kampf des Autodidakten um die Anerkennung in der akademischen Welt. Sein Ruhm aber steigerte sich bald noch erheblich als er 1876 bei seinen Ausgrabungen auf der Burg von Mykene fünf Schachtgräber entdeckte, in denen insgesamt fünfzehn Männer, Frauen und Kinder mit exzeptionellen Grabbeigaben bestattet waren. Es folgten Ausgrabungen in Orchomenos und Tiryns, aber immer wieder kehrte er nach Troja zurück. Dass die Verbindung seiner Funde mit den Helden Homers sowohl in Troja als auch an den griechischen Fundorten nicht zutreffend war, schmälert nicht sein Verdienst, mit der bronzezeitlichen mykenischen Kultur die früheste Hochkultur Europas entdeckt zu haben.

In Athen ließ sich Schliemann 1880 ein Neorenaissance-Palais erbauen, mit dessen prunkvoller Innenausstattung er seinen Reichtum, aber vor allem sein archäologisches Werk inszenierte. Während die griechischen Funde im Land verblieben und heute im Archäologischen Nationalmuseum in Athen präsentiert werden, schenkte er seine Sammlung trojanischen Altertümer 1881 „dem deutschen Volk zur ewigen Aufbewahrung in Berlin“. Heute gehört die berühmte Sammlung zu den herausragenden Beständen des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Die trojanischen Goldschätze jedoch sind aus dem Zusammenhang gerissen und werden seit 1945 bis heute immer noch völkerrechtswidrig in Russland als Kriegsbeute zurückgehalten.

Die Ausstellung widmet sich im ersten Teil in der James-Simon-Galerie erstmals umfassend dem Weg des Mecklenburger Dorfjungen zum Geschäftsmann, Kosmopoliten und Reiseschriftsteller bis hin zum Schicksalsjahr 1869. Seine Lebensstationen in Amsterdam und St. Petersburg werden vorgestellt, ein russischer Schlitten und ein schwerer, pelzbesetzter Wintermantel versetzen die Besucher in die winterliche Zarenresidenz, während nur wenig später die fremde chinesische und japanische Welt, die Schliemann auf seiner Weltreise erlebte, vor den Augen der Besucher*innen entsteht. Anhand herausragender Objekte, darunter dem erstmals gezeigten historischen Modell einer chinesischen Begräbniszeremonie, wird die Detailgenauigkeit der Beschreibungen erkennbar, die auch den Reiseschriftsteller Schliemann auszeichnete. Im zweiten Teil im Neuen Museum werden Schliemanns archäologische Entdeckungen präsentiert. Die Besucher schreiten quasi durch den berühmten Schliemann-Graben, den der Ausgräber durch den Siedlungshügel trieb und stoßen dabei auf viele bisher noch nicht gezeigte Objekte aus den reichen Beständen der Troja-Sammlung. Dann führt der Weg entlang des Löwentors mitten in das Areal der Gräber aus Mykene, Die spektakulären Goldfunde aus Mykene bilden den eindrucksvollen Höhepunkt des archäologischen Teils. Zum Abschluss bittet der Hausherr in sein „Iliou Melathon“, seinen „Palast von Troja“, in dem das Ehepaar
Schliemann rauschende Empfänge und Bälle für die Athener Gesellschaft ausgerichtet hat. Selbst ein Einblick in sein mit den originalen Möbeln
ausgestattetes Arbeitszimmer ist möglich.

Die Schauspielerin Katharina Thalbach lässt Schliemann für das Ausstellungsprojekt mit originalen Zitaten und wunderbarer Ironie wiederaufleben. In sechs Filmszenen begegnen die Besucher*innen in der Ausstellung Heinrich Schliemann alias Katharina Thalbach – mit seinem Bericht über das angeblich legendäre Weihnachtsfest 1829, als Schiffbrüchigem, gewieftem Millionär, bildungshungrigem Weltreisenden, Entdecker des „Schatz des Priamos“ und Hausherrn des „Iliou Melathron“.

„Schliemanns Welten“ wird unter der Projektleitung von Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, kuratiert von Marion Bertram, Bernhard Heeb, Susanne Kuprella, Sebastian Olschok, Benjamin Wehry und Anton Gass. Die Ausstellung wird ermöglicht durch die großzügige Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Sport der Hellenischen Republik, des Archäologischen Nationalmuseums Athen, der American School of Classical Studies at Athens, die den umfangreichen schriftlichen Nachlass Schliemanns bewahrt, und der Municipal Art Gallery of Larissa, G.I. Katsigras Museum. Weiterhin sind zahlreiche Leihgaben aus ganz Deutschland vertreten. Im Verbund der Staatlichen Museen zu Berlin kam es zur engen Zusammenarbeit mit dem Ägyptischen Museum und Papyrussammlung, der Antikensammlung, dem Ethnologischen Museum, der Gipsformerei, der Kunstbibliothek, dem Kunstgewerbemuseum, dem Kupferstichkabinett, dem Münzkabinett und dem Museum für Asiatische Kunst.

Die Ausstellung wird gefördert durch das Kuratorium Preußischer Kulturbesitz, die Stiftung Deutsche Klassenlotterie und den Hauptstadtkulturfonds. Medienpartner sind Exberliner, rbb24 Inforadio, HIMBEER, Tagesspiegel und tip Berlin.

Begleitpublikation

  • E. A. Seemann Verlag Leipzig
  • 320 Seiten mit mehr als 300 farbigen Abbildungen, Hardcover
  • ISBN 97-3-86502-480-0
  • Buchhandelspreis: 36 Euro, Museumspreis: 34 Euro

Bild-Nachweis

James-Simon-Galerie Bodestraße, Museumsinsel Berlin, Berlin-Mitte © Staatliche Museen zu
Berlin / David von Becker

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