12 Monate Coronavirus-Pandemie – ein persönlicher Rückblick

Deutschland Organisations-Weltmeister? Sic transit gloria mundi. (So vergeht der Ruhm der Welt)

Vorweg: ich bin gesund, meine Lieben sind gesund. Wir leben nicht in prekären Wohn-Verhältnissen. Home-Office, Home-Schooling belastet uns nicht.

Die folgenden persönlichen Gedanken sollen nicht als Gejammer gelten. Es ist kein Wehklagen über verpassten Hedonismus. Es ist eine Analyse dessen, was ich empfinde. Und was bei mir große Sorgen auslöst.

Am 13. März 2020 kehrte ich aus Berlin in meine kleine Stadt in Bayern zurück. Heute, 12 Monate später, finden in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz Landtagswahlen statt. Die werden auch eine Abrechnung mit der Politik der Corona-Bekämpfung. Was ist in diesen 12 Monaten geschehen?

Ich komme mir heute vor, als sei ich ein Typ wie Diederich Heßling, die Figur des Romans „Der Untertan“ von Heinrich Mann. Ich glaub(t)e an unseren Staat und vertrau(t)e unserer Regierung. Grundsätzlich. Heute aber weniger als vor 12 Monaten. Krisen gelten als Stunde der Exekutive. Das war vielleicht 1962 so, als der damalige Innensenator Helmut Schmidt beherzt handelte und die schlimmsten Folgen der Flutkatastrophe für Hamburg abwendete. Der „kleine“ Innensenator griff dafür auf Kräfte der Bundeswehr und sogar der Alliierten zurück, überschritt alle Kompetenz-Grenzen. Der Erfolg gab ihm recht und schuf einen Nimbus, der den Mann 12 Jahre später in das Bundeskanzleramt spülte.

„Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“ so Angela Merkel in ihrer Fernseh-Ansprache am 18. März 2020 (hier nachzulesen). Das war falsch. Am Ende des 2. Weltkrieges war Deutschland zerstört: moralisch und wirtschaftlich. 12 Millionen Deutsche wurden aus ihrer Heimat vertrieben und suchten im zerstörten Mittel- und Westdeutschland eine neue Heimat. Die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht, der Waffen-SS und der SS sowie der Polizei waren noch kaum einer breiten Öffentlichkeit bekannt, wohl aber den vielen unschuldigen Soldaten und Bürgern, die derlei erleben mussten. Die historisch singulären fabrikmäßigen Todesanlagen des Holocaust, die mehrere hundert Konzentrationslager überall im Land – deren Schrecken offenbarten die Alliierten gleich nach Kriegsende den Deutschen und öffneten ihnen die Augen über ihren „Führer“ und seine Henkershelfer. Inflation und Währungsreform waren da noch eine vergleichsweise harmlose Konsequenz der Politik der Nationalsozialisten. Auch die Folgen der im Zuge der deutschen Einheit begangenen eklatanten Fehler der Treuhand trieben Millionen Bürger der Neuen Länder in Arbeitslosigkeit und brachten viele dazu, ihre Heimat zu verlassen. Die demografischen Konsequenzen dessen wird die Region der ehemaligen DDR wohl nie wieder ausgleichen können – von Berlin, Dresden, Erfurt und Leipzig abgesehen. Abseits dieser großen Metropolen führen neue Autobahnen ins Nichts einer schönen, kaum besiedelten Ökologisch wertvollen Trostlosigkeit vor allem älterer Menschen, von denen nicht wenige die angeblich gut-sortierten Lebensumstände des real existierenden Sozialismus bis heute betrauern.

Das Coronavirus ist gefährlich, sogar tödlich. Wer an Covid-19 oder eine der Mutationen erkrankt, ist schwer geschlagen. Zu einer der gefährlichsten Krisen für uns, unsere Gesellschaft, die Demokratie ist das Virus aber erst geworden durch maßlose und schlecht-begründete Grundrechtseinschränkungen, die mit willkürlichen Maßstäben argumentiert wurden, an die sich Mitglieder der Bundesregierung selbst nicht halten, auch Mitglieder des Bundestages nicht. Diese Grundrechtseinschränkungen brachten millionenfaches Leid für Familien, Angehörige von zu Pflegenden, Frauen mit spürbarem Gender Pay Gap, Kurzarbeiter mit erhöhten Steuerbelastungen, Selbständigen, denen wirtschaftliche Hilfe versprochen aber nicht gezahlt wurde, Bürgern, die sich testen und impfen lassen wollen aber nicht dürfen. Zeitversäumnisse, falsche Einschätzungen von Fakten, mangelnde Vorsorge, Faulheit im Denken und Handeln, Selbstrechtfertigung und Selbstbereicherung – das sind die Merkmale, die nach 12 Monaten in Erinnerung bleiben von der politischen Kaste im Bund und in den Ländern. Wenn wir – die Bürger – nicht aus Selbstschutz so stringent und vernünftig gehandelt hätten, wären Bilder wie in Bergamo auch aus Bergisch-Gladbach, Brunsbüttel und Braunfels zu sehen. Was erreicht wurde in dieser Bekämpfung der Pandemie wurde gegen das Versagen der Politik und des Föderalismus erreicht, mit dem Geld der Bürger – nicht mit dem Geld eines Finanzministers, der sich als König von Deutschland aufspielt und schlumpfig grinst. Es wurde erreicht, obwohl Ministerpräsidenten gestehen, dass sie lieber am Handy herumspielen, als Entscheidungen zu fällen und Zusagen einzuhalten.

Hypokratie statt Demokratie?

Ich habe das Vertrauen in die Kompetenz dieser Bundesregierung, dieser Politik verloren. Ich will sie weder länger sehen noch deren Inkompetenz länger ertragen müssen. Das gilt übrigens auch für fünf der sechs im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Die eine, die sechste ist für mich eh‘ unwählbar, weil nicht bürgerlich, nicht einmal spießbürgerlich, sondern nur krawallig und gärig. Programmarme Fundamental-Opposition gepaart mit großmäuligem Populismus ist meine Sache nicht. Und die anderen fünf sind alle irgendwo in den Ländern in der Regierung und heben sich nicht von dem ab, was im Berliner Regierungs-Viertel in den märkischen Sand gesetzt wird. Da können Frau Baerbock, Herr Bartsch und Herr Lindner im Bundestag noch so schimpfen und vielleicht sogar rechthaben, in den Ländern machen sie es eben nicht besser und diskreditieren sich so selbst.

Diese Krise wird vorüber gehen, dank der Tatkraft von Wissenschaftlern und der Vernunft der Mehrheit der Bürger. Dann kommen die nächsten Herausforderungen. Und wer glaubt noch ernsthaft, dass die jetzt auf der öffentlichen Polit-Bühne dilettierenden hochbezahlten Amateure uns in eine goldene Zukunft der Bewältigung der Herausforderungen und der Nutzung der Chancen, die mit den Schlagworten Demografie und Digitalisierung verbunden sind, führen können?

Ich jedenfalls nicht.

Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus, des Bundesverband Initiative 50Plus Austria und des European Center of Competence for Demography.

Bis 1996 hat er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gelebt. Nach zwei Jahren im Ausland lebt er heute in Bayern.